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Belastungserprobung


Die interne arbeits- und berufsbezogene Belastungserprobung ist eine primär diagnostische Maßnahme. Sie ist regelhaft integriert in das Standarduntersuchungs- und Behandlungsprogramm der Klinik. Die Belastungserprobung wird bei Patienten beider Fachrichtungen durchgeführt, zahlenmäßig bei psychosomatischen Patienten häufiger als bei neurologischen, weil bei psychosomatischen Patienten in der Regel mehr unspezifische Beschwerden (Schmerzen, Müdigkeit, Schwäche ...) bestehen und weniger klar definierte Störungen, aus denen das berufliche Leistungsvermögen abgeleitet werden kann. Das gesamte Programm zu Beurteilung des beruflichen Leistungsvermögens umfasst die folgenden Bausteine:

1. 2 oder 3 Tage nach Aufnahme in die Klinik nehmen die Patienten an einer einmaligen Informationsgruppe Sozialmedizin teil, die von der Sozialarbeiterin der Klinik geleitet wird. In dieser Gruppe werden grundlegende Informationen über sozialrechtliche Fragen gegeben (z. B. krank ist nicht gleich arbeitsunfähig oder GdB bedeutet nicht Rentenanspruch ...), um typische Missverständnisse von Patienten auszuräumen. Gleichzeitig wird mit der Gruppe erreicht, dass das Thema Leistungsbeurteilung zu Beginn der Reha offen gelegt wird, die Patienten in der Gruppe ihre eigene Situation ansprechen und die Problematik enttabuisieren und schließlich ein erster Kontakt zur Sozialarbeiterin hergestellt wird. Durch die Offenlegung der Problematik wird gleichzeitig ein verdecktes Agieren betroffener Patienten in therapeutischen Gruppen vermieden (oder verringert).

2. Die eigentliche Belastungserprobung in Werkstätten der Klinik, durchgeführt von den Arbeitstherapeuten der Klinik, in der Regel in einer Dauer von 2,5 Tagen.

3. Eine neuropsychologische Untersuchung zur Einschätzung des kognitiven Leistungsvermögens bei den Patienten, die über Beeinträchtigungen von Gedächtnis, Konzentrationsvermögen etc. klagen, bei Patienten mit einer mittelgradigen oder schweren Depression und schließlich bei Patienten bei denen eine berufliche Neuorientierung (ggf. Umschulung) in Betracht kommt.

4. Teilnahme an der Gruppe Arbeitsleben, die von einer Psychologischen Psychotherapeutin, der Sozialarbeiterin und einem Arbeitstherapeuten geleitet wird. Ihr werden Patienten zugeordnet, bei denen im Aufnahmegespräch relevante Konflikte am Arbeitsplatz aufgedeckt werden.

5. Einzelberatungsgespräche mit der Sozialarbeiterin der Klinik und/oder dem Rehafachberater der Rentenversicherung.

6. Abschließende Teamkonferenz, an der Bezugstherapeut, Arbeitstherapeut, Sozialarbeiterin, Neuropsychologe, Oberarzt und Chefarzt teilnehmen. In dieser Gruppe werden alle für das Leistungsvermögen relevanten Informationen zusammengetragen und die endgültige Leistungsbeurteilung festgelegt. Sie wird anschließend vom Bezugstherapeuten mit dem Patienten besprochen.

Parallel zu diesem strukturierten Programm der Leistungsbeurteilung erhalten die Patienten ihr individuelles Behandlungsangebot in Form somatischer und/oder psychotherapeutischer Einzel- und Gruppenbehandlungen. Die eigentliche Belastungserprobung wird von ausgebildeten Arbeitstherapeuten in Werkstätten der Klinik in mehreren Schritten durchgeführt: Als erstes erheben die Arbeitstherapeuten eine berufsbezogene Anamnese, in der sie detaillierte Informationen über Ausbildung, ausgeübten Beruf, den letzten Arbeitsplatz und vor allem die eigene Einschätzung von besonderen Belastungen während Ausbildung und Arbeit erfragen. In dem anschließenden Theorieteil werden anhand von Arbeitsblättern berufsübergreifende Kenntnisse wie das Lesen technischer Zeichnungen, Ausmessen von Winkeln, Grundrechenarten getestet. Anschließend werden Fertigkeiten wie Gewinde prüfen, Ausmessen von Werkstücken etc. überprüft. Dieser Theorieteil erstreckt sich über mehrere Tage in jeweils 1-stündigen Terminen. Die sich anschließende praktische Erprobung dauert einen halben und 2 ganze Tage. Die praktische Erprobung ist in der Regel berufsunspezifisch, wobei wir uns bemühen, der beruflichen Tätigkeit des Betroffenen möglichst nahe zu kommen.

Wir verfügen über die Bereiche Büro und EDV, Hauswirtschaft und Küche, eine Holzwerkstatt sowie eine CNC-gesteuerte Fräse, mit deren Hilfe das Programmieren CNC-gesteuerter Maschinen und die praktische Durchführung von CNC-gesteuerter Werkstückbearbeitung erprobt werden kann. Mit Hilfe eines professionellen 3-D-CAD-Programmes können Konstruktionen im Holz-, Kunststoff- und Metallbereich erstellt werden. Zusätzlich zu den vorgenannten Arbeitsbereichen kommt der Bereich Lagerverwaltung hinzu, der die Versorgung der anderen Bereiche mit den notwendigen Arbeitsmaterialien vornimmt.

Die Arbeitsleistung der Patienten in den jeweiligen Arbeitsbereichen wird anhand eines standardisierten Beurteilungsverfahrens, das auf dem ERTOMIS - Hilfen zur Berufsfindung fußt, von den Arbeitstherapeuten beurteilt und in einem Protokoll festgehalten. Fähigkeitsprofile nach Ertomis werden erstellt, diese können bei Bedarf auch in ein MELBA oder IMBA - Fähigkeitsprofil übertragen werden.

Die Arbeitsschwere der durchgeführten Arbeiten liegt im leicht bis mittelschweren Bereich. Die Tätigkeiten werden im Sitzen und Stehen durchgeführt und beinhalten auch Überkopfarbeiten. Das Lager beinhaltet Boxen mit definiertem Gewicht durch deren Transport Belastungen durch Tragen und Heben getestet werden können.

Mess-, Prüf- und Kontrollarbeiten müssen nach festgelegten Zeitvorgaben und nach optischer und akustischer Taktvorgabe durchgeführt werden und simulieren damit Akkordarbeit. Die Ergebnisse werden EDV-gestützt aufgezeichnet und ausgewertet.

Im Bürobereich wird der kognitive Leistungsverlauf mithilfe von Cogpack® ermittelt. In der Schlossklinik Bad Buchau wurde ein Konzept zur Selbst- und Fremdeinschätzung mit Cogpack® entwickelt. Näher Informationen können der Zeitschrift Ergotherapie und Rehabilitation 3/07 entnommen werden.

Durch die Integration einer solchen Belastungserprobung in ein normales Heilverfahren von 3 bis 5 Wochen Dauer mit der Möglichkeit der Verhaltensbeobachtung in verschiedenen Klinikssituationen erhalten wir detaillierte Informationen über die körperliche Verfassung, die intellektuelle Leistungsfähigkeit, die körperliche und mentale Belastbarkeit, die Motivation, die Umstellungsfähigkeit, Teamfähigkeit und berufliche Eignung der Patienten.

Eine solche interne Belastungserprobung führen wir bei allen Patienten durch, bei denen die jeweiligen Bezugstherapeuten feststellen, dass eine problemlose Wiedereingliederung in das Berufsleben nicht möglich sein wird, d. h. bei den so genannten sozialmedizinischen Problempatienten, unabhängig davon ob sie unter vorwiegend somatischen oder psychischen Beeinträchtigungen leiden.

Die Belastungserprobung führen wir nicht durch bei Patienten, bei denen eine Rückkehr in das Arbeitsleben aufgrund ihrer Erkrankung, ihres Alters, einer nicht befristeten Erwerbsunfähigkeitsrente ausgeschlossen ist. Wir legen keine fixe Altersgrenze zugrunde, sondern beziehen grundsätzlich alle Patienten ein, bei denen vom Kostenträger eine Beurteilung des beruflichen Leistungsvermögens gefordert wird.